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Sagenumwobenes
Sargenroth
Oder: Aus dem Tagebuch einer Karate-Anfängerin
(von Franziska)
Liebes Tagebuch,
ich muss Dir unbedingt was
erzählen. Ich war Anfang Oktober 2006 vier Tage mit der Karate-Gemeinschaft
in Sargenroth auf Trainingsfahrt. Zuerst habe ich mich gar nicht getraut mitzufahren.
Denn ich bin erst wenige Monate Mitglied und kannte kaum jemanden. Aber andere
Karate-Schüler schwärmten davon, wie lustig die letzte Fahrt gewesen sei. Die
Trainer versprachen: "Ihr habt DIE Chance, außergewöhnliche Übungen auszuprobieren,
für die es in den normalen Trainingsstunden kaum Zeit und Gelegenheit gibt."
Dann bin ich doch sehr neugierig geworden und war eine der Ersten auf der Teilnehmerliste.
Die Monate von Juli bis Oktober
vergingen sehr schnell: der 1. Oktober stand vor der Tür. Alle Sonntag-Faulpelze
waren an diesem Tag besonders gefordert. Denn die Abfahrtszeit nach Sargenroth
war bereits morgens um neun Uhr vor dem Dojo. Busfahrer und Trainer riefen
"Einsteigen!" und fast 40 verschlafene Karate-Schüler suchten sich
ihren Platz im Bus. Christoph hatte übrigens an diesem Tag Geburtstag. Wir
sangen kräftig "Zum Geburtstag viel Glück!" und nun war auch der
letzte müde Krieger wach.
Zwei Stunden später kamen
wir in der Jugendherberge von Sargenroth an. Sie ist umgeben von grünen Wiesen
und gelb schillernden Rapsfeldern. Sargenroth ist riesig. Sargenroth ist so
riesig, dass sogar die Einwohner selbst sagen: "Das Dorf nimmt soviel
Platz weg, dass der Tante-Emma-Laden nur noch in die Garage passt." (Wirklich
wahr!) In dieser Hunsrück-Großstadt haben wir übernachtet.
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Von
der Jugendherberge... |

...zur
Trainingshalle im Ort |
Das sehr leckere Essen mussten
wir uns natürlich verdienen, mit Karate und Theater. Der Plan sah vor, dass
wir alle zusammen zweimal täglich trainierten. Außerdem sollten wir bis Dienstag
ein Theaterstück vorbereiten. Dazu wurden wir in sechs Gruppen eingeteilt und
jede bekam das gleiche Drehbuch. Doch wie wir die Rollen spielen und ausschmücken
sollten, das wurde unserer Phantasie überlassen.
Alle Karate-Schüler scharrten
jetzt ungeduldig mit den Füßen. Was fehlte, war ein Dojo. Als Dojo diente die
Turnhalle im 15-Minuten entfernten Dorfkern von Sargenroth. Der Fußmarsch dorthin
war im Tageslicht spaßig, in der Dämmerung unheimlich und bei Finsternis bedrohlich.
Doch dazu später mehr...nur soviel: Der Weg führt durch Feldgestrüpp, in dem
seltsame Wesen hausen, die ich noch nirgendwo sah, nicht mal im Zoo...
Das Karate-Programm war bunt.
Einige Übungen kannte ich bereits aus dem wöchentlichen Training. In Sargenroth
fühlten sie sich aber ganz anders an: Ich wusste, wie ein Gedan Barai geht.
Aber ich wusste nicht, wie sich ein Gedan Barai anfühlt, wenn man ihn zehn
Minuten lang macht und dabei noch jedes Mal einen Kiai schreit. Ich musste
auch zum erstenmal in meinem Leben durch eine enge Menschengasse rennen. Das
fiel mir überraschend leicht. Ich bin mir sicher, das liegt an der tollen Gemeinschaft
und daran, dass alle sehr nett zueinander sind. Wir haben viele Spiele gespielt,
um uns alle besser kennen zu lernen. Zum Beispiel weiß ich endlich, wer gerne
Hardrock hört. Und wenn ich mal wieder einen neuen Musiktipp brauche, kann
ich fast alle Jungs fragen.
Eindrücke
vom Training, ...
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Oi-Tsuki
im Kiba Dachi - immer wieder schön |

Durch
die Gasse mit Vollgas an die Pratze! |
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Geschick
und Schnelligkeit waren ebenso gefragt.... |

...wie
Durchsetzungsvermögen und Kraft. |
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Partnerübungen |

Gassenübung
mit Langstöcken |
Und weil der Weg des Karate
Tag und Nacht Gültigkeit hat, gab es Montag abends ein Dunkeltraining bei Kerzenschein.
Hier lernte ich, wie man eine brennende Kerze mit einem Oizuki löscht. Natürlich
ohne den Docht zu berühren!
Als wir die Turnhalle verließen, war es stockdunkel. Die Dorfstraße war wie
leergefegt, richtig unheimlich. Jetzt mussten wir auch noch bei dieser Dunkelheit
mitten durch die Felder laufen. Dabei sah ich noch nicht mal meine eigene Hand
vor Augen! Außer dem Geräusch unserer Schritte war es verdächtig still um uns
herum. Und da: Plötzlich raschelte es im Feld! Eine Meute düsterer, brüllender
Gestalten stürmte auf uns zu und griff uns an. Da waren Kleine, Große und Mittlere
aber alle mit einem schwarzen, flauschigen Fell. Alles ging jetzt ganz schnell.
Der unvergessliche Knüller war der Angriff des rosa Riesenkaninchens. Das war
bestimmt zwei Meter in Socken. Das schafft nicht jedes Kaninchen! Hier zeigte
sich, wer beim Training aufgepasst hat. Von wegen "Einzelne Techniken
auf Kommando!". Jeder musste sich selbst (oder den anderen) helfen. Und
das war nicht einfach. Denn es gibt die Technik, sich im richtigen Augenblick
zu wehren. Es gibt aber auch die Technik, im richtigen Augenblick wegzurennen.
Für einige Karate-Schüler wurde die Entscheidung zwischen dem richtigen Augenblick
und der richtigen Technik zu einem heillosen Kuddelmuddel. Ein Freund sagte
später zu mir: "Es ist ein beliebter Trick dieser einzigartigen Geschöpfe,
Verwirrung zu stiften. Du siehst also, WANN der richtige Augenblick für WAS
ist, musst du schon selbst herausfinden."
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"Seltsame
Wesen" oder anders ausgedrückt: Das nächtliche Überfallkommando
- begleitet vom rosa Karnickel des Todes... |

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Der Dienstag war dann endlich der Tag der großen Aufführung. Vormittags führte
jede Gruppe ihr selbst gebasteltes Theaterstück vor. Natürlich gab es hier
einen weisen König, eine schlagkräftige Prinzessin, eine mehr oder wenig tapfere
Leibgarde und einige Schurken. Das Ganze wurde gemischt mit Karate, Ehre, Mut
und Phantasie. Und schwuppdiwupp war der Jubel bei allen Zuschauern groß. Ich
habe sogar gehört, dass einige Karate-Schüler schon einen Filmvertrag mit Jackie
Chan in der Tasche haben.
...vom
Herbergsleben...
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Anders
erklärt die Hausregeln! |

Tischtennis
war auch wieder beliebt. |
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Lutz
und Reinhard im hauseigenen Bistro. |

Pokern
war diesmal der Hit bei den Jugendlichen. |
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Die
Älteren quatschen noch... |

...während
die Jüngeren ins Bett gebracht werden ;-) |
So gar nicht lustig fand ich
das Außentraining. Das fand nachmittags statt. Zugegeben, die Trainer hatten
uns vorher gewarnt: "Wir machen zuerst in der Jugendherberge ein sehr
hartes Aufwärmtraining. Danach entscheidet jeder für sich selbst, ob er weitermachen
will. Vergesst aber nicht: Das anschließende Außenprogramm wird noch VIEL härter.
Es ist keine Schande, wenn ihr nach dem Aufwärmtraining aufhört." Im Dojo
fand zur selben Zeit noch ein Kata-Training und Stocktraining statt. "Ich
mache Außentraining. Mir kann es ja nicht hart genug sein", dachte ich
übermütig.
Da ich das Aufwärmtraining
gerade so überstanden hatte, trabte ich mit der Gruppe ins Freie. Puh, ich
war jetzt schon außer Puste. Als wir über Schotter liefen, schimpften meine
Füße. Liegestützen. 10? 100? Sie fühlten sich wie 1000 an. Meine Arme und Füße
verbündeten sich und schrieen "Aufhören!". Eine Trainerstimme verdrängte
das Gebrüll: "Macht euren Kopf frei. Es sind eure Gedanken, die euch am
Weitermachen hindern." So ging es weiter auf eine Wiese, wo bei gutem
Wetter Kühe und Schafe futtern und verdauen. Aber es hatte zuvor kräftig geregnet.
Kein Vieh war zu sehen, dafür ein paar Tiergrüße zu spüren. Grundübungen, Partnerübungen,
Kata-Übungen, Kiai, alles folgte im schnellen Wechsel. Alles in rasanter Geschwindigkeit,
denn wir durften nicht anfangen zu frieren. Dann durchkämmten wir ein nahe
gelegenes Waldstück. Das erstreckt sich über einen Abhang und so mussten wir
bergauf und bergab laufen. Zwischen Bäumen und Sträuchern auf glitschigem Herbstblätterboden
durchstreiften wir den Wald mit freien Kata-Übungen. Zwischendurch durften
wir zur Entspannung dicke Baumstämme umarmen. Wir holten uns auf diese Weise
bei den Waldriesen eine extra Portion Energie ab. War das eine Wohltat! Wir
schmierten den Waldboden in unsere Gesichter. Das roch wunderbar und wirkte
wie eine Streicheleinheit. Wie stolze Indianer kehrten wir mit dieser Gesichtsbemalung
zur Jugendherberge zurück. Völlig erschöpft, aber sehr glücklich.

Kaputt
und schmutzig - aber glücklich: Die Truppe nach dem Wald- und Wiesentraining.
Abends haben wir zum Abschluss
die vielen Abenteuer und neuen Karate-Erlebnisse ausgelassen gefeiert. Bei
Karaoke suchten wir zwischen Cola, Fanta, Chips und Flips den Popstar. Wir
haben ihn nicht gefunden. Es gab entschieden zu viele begabte Kandidaten.
Als wir für den Heimweg wieder
in den Bus einstiegen, hatte ich das Gefühl, dass einige Teilnehmer fehlten.
Ich hatte mich aber getäuscht: Da ich nun alle Teilnehmer besser kennen gelernt
habe, wirkte die Gruppe automatisch viel kleiner. Ich hoffe, dass beim nächsten
Ausflug auch alle Trainingsfahrt-Neulinge mit dabei sind.
...und
von der Heimreise
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Alle
ein wenig platt... |

...aber
zufrieden. |
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Eins
ist aber jetzt schon klar... |

...es
wird eine Fortsetzung geben! |
Tja, echt schade liebes Tagebuch,
dass Du nicht gerne barfuß läufst, sonst könntest Du das nächste Mal auch mitkommen. |