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Aggressiv durch Karate?
Ein Vor-Urteil
Immer wieder haben Eltern Bedenken ihre Kinder zum Karate-Unterricht anzumelden, da sie befürchten, das Training könne ihre Kinder womöglich aggressiv schlimmer noch gar zu Schlägern machen. Die Sorge ist ja auch grundsätzlich verständlich, beschäftigen sich doch die Karate-Schüler überwiegend mit Schlägen, Tritten, Würfen usw.; körperlichen Fertigkeiten, die dazu dienen können andere zu verletzen. Doch wird dabei übersehen, dass das bloße Einüben von Selbstverteidigungstechniken einen Menschen weder aggressiv machen kann, noch kann es im Ernstfall tatsächlich Sicherheit in einer bedrohlichen Situation geben. Karate-Technik ist immer in Zusammenhang zu setzen mit einer geistigen Einstellung zur Technik und einem sozialen Umfeld, in dem die Technik vermittelt wird. Gibt ein verantwortungsvoller Lehrer das Karate in seiner traditionellen Form und mit seinem philosophischen Unterbau weiter wird es die Schüler letztendlich sogar zu mehr Friedfertigkeit führen und sie gleichzeitig doch zu wehrhaften und selbstbewußten Menschen heranbilden.
Aggressiv wie überhaupt? Aggressiv werden Menschen in erster Linie dadurch, dass sie gelernt haben über aggressive Taten zum Erfolg zu gelangen, diese Taten also wie auch immer belohnt werden. Häufig ist diese Belohnung die Anerkennung durch Freunde oder Familienmitglieder, die die vermeintliche Durchsetzungskraft des aggressiven Menschen bewundern oder vielleicht auch nur fürchten. Tatsächlich wissen wir aber, dass aggressive Menschen meist nicht die coolen Überflieger sind, die sie gerne sein würden, sondern sich häufig u. a. auszeichnen durch -ein geringes Selbstwertgefühl, -Handlungsunsicherheit, -wenig tragfähige soziale und zwischenmenschliche Kontakte, -eine leichte Erregbarkeit und oft dazu auch -schlichte Langeweile. Sicherlich wäre es unangemessen zu behaupten, dass ein Karate-Training dazu nützen würde die aufgezählten Punkte in Wohlgefallen aufzulösen, doch werden ihnen im entsprechenden Training, so wie es in der Karate-Gemeinschaft gelehrt wird, deutlich entgegengewirkt. Dabei bleibt die o. g. Belohnung aggressiver Verhaltensweisen mit Sicherheit aus!
Selbstbewusst durch Karate Zunächst lernen die Karate-Schüler immer und immer wieder die Grundtechniken dieser Kunst, z. B. den Fauststoß. Hierbei werden sie dazu angehalten ihre Technik immer weiter zu verfeinern. Während der Fauststoß in seiner rudimentären Ausführung relativ schnell erlernt ist gibt es viele Techniken, die aufgrund ihrer Komplexität selbst Könner immer wieder zur Verzweiflung treiben können. Die Erkenntnis, etwas (noch) nicht zu können ist eine besonders wichtige, denn es bringt die Schüler auf den Boden der Tatsachen zurück. Wer an diesem Punkt nicht schon aufgibt, weil er meint immer alles sofort können zu müssen, wird in einen langen aber schließlich lohnenden Lernprozess eintreten. Er wird lernen mit diesem Frust umzugehen, sich in Geduld zu üben aber letztendlich doch zum Erfolg zu gelangen. Dieser Erfolg macht stolz, motiviert zum Weitermachen und bringt den Schüler dazu, mehr Mitgefühl mit sich selbst zu zeigen, sich also auch selbst besser kennen zu lernen. Dies steigert natürlich auch etwas das Selbstwertgefühl. Flankiert wird das traditionelle Karate-Training durch geistig-mentale Übungen: Durch Meditation und autosuggestive Übungen sollen die Schüler lernen sich selbst zu beruhigen bzw. ihre inneren Kräfte für sich positiv zu mobilisieren. Ähnliche Übungen sind dem einen oder anderen sicher durch das "autogene Training" bekannt. Gerade leicht erregbare / nervöse Menschen profitieren von solchen Übungen sehr stark. Ein besonderer Lernprozess hin zu mehr Gelassenheit und Selbstkontrolle findet aber in der Partnerübung statt. Übungen also, die mindestens zu zweit ausgeführt werden. Diese werden mit zunehmendem Weiterschreiten auf dem Weg der Karate-Kunst immer anspruchsvoller und wirkungsvoller. Hier lernen die Schüler von außen betrachtet die Selbstverteidigung und den freien Kampf. Innerlich machen sie unbewusst aber noch ein ganz anderes Training durch: Sie üben Verantwortungsbewusstsein, Selbstkontrolle auch in Stresssituationen und die Fähigkeit nachzugeben bzw. sich einem anderen sogar nahezu auszuliefern, ihm somit vollends zu vertrauen. In der Partnerübung sollen sich die Schüler immer gegenseitig etwas beibringen. Sie müssen ein hohes und immer höheres Maß an Verantwortungsbewusstsein zeigen, da an erster Stelle immer die körperliche Unversehrtheit des Partners steht und dass selbst bei intensivem Selbstverteidigungstraining. Wer hier nicht kontrolliert, konzentriert und frei von belastenden Gefühlen wie Wut oder Aggression bei der Sache ist wird sehr schnell in den Übungen scheitern, denn besonders die späteren Partnerübungen verlangen ein großes Maß an Sich-aufeinander-Einlassens und Vertrauen in den Partner. Wer dazu nicht in der Lage ist wird die Übung blockieren, ihr den Fluss nehmen und riskiert durch seine Unachtsamkeit im schlimmsten Fall eine Verletzung seines Partners! In einigen Übungen wird auch verlangt, dass man den Partner "gewinnen" lässt. Durch das eigene Nachgeben gibt man ihm die Möglichkeit seine eigene Technik zu verfeinern wer ständig nur an Sieg oder Unterwerfung seines Gegenübers denkt kann sich bei einer solchen Übung nicht wohlfühlen. Langfristig führen diese Übungen auch zu mehr Gelassenheit in konfrontativen Situationen bzw. zum Aufbau einer selbstbewussten Ausstrahlung, wodurch die Wahrscheinlichkeit in eine körperliche Auseinandersetzung zu geraten sinkt, denn Gewalttäter suchen sich meist (unbewusst) Opfer heraus, bei denen sie keine starke Gegenwehr vermuten. An diesem Punkt sei auch auf eine Besonderheit des traditionellen Karate-Trainings, wie es in der Karate-Gemeinschaft gelehrt wird, hingewiesen: Es wird konsequent auf den sportlich-vergleichenden Wettkampf verzichtet, der Anerkennung (Urkunden, Pokale usw.) nur dem Sieger eines Kampfes zuteil werden lässt. In dieser Art Wettkampf werden Partner zu Gegnern, und das Miteinander wird in ein Gegeneinander verkehrt. Zwangsläufig wird so ein Konkurrenzdenken unter den Schülern gefördert, das im schlimmsten Fall der Rücksichtslosigkeit Tür und Tor öffnet. Zwar wird auch in der Karate-Gemeinschaft im Training miteinander gewetteifert, doch stehen hier gemeinsames Lernen und nicht zuletzt auch der Spaß an der Übung im Vordergrund. Schließlich gibt es im traditionellen Karate-Do noch eine umfangreiche Etikette, einen Verhaltenskodex, durch den sich die Karate-Schüler auszeichnen sollen. Hier wird in besonderem Maße die Verbeugung geübt. Es wird sich vor dem Trainingsraum (Dojo) verbeugt, vor dem Lehrer, den Mitschülern und natürlich vor und nach jeder Partnerübung. Äußerlich ein traditioneller Ritus, der offensichtlich zur Höflichkeitserziehung beitragen soll transportiert die Verbeugung noch viel mehr: Achtung und Respekt vor dem Gegenüber und die Bereitschaft sich auf den anderen einzulassen. In ihrer noch tieferen Bedeutung zeigt die Verbeugung die Bereitschaft die Dinge so zu nehmen wie sie kommen. Sie zeigt Biegsamkeit und Nachgiebigkeit ohne die Standfestigkeit zu verlieren. Anhand einer einfachen Verbeugung lassen sich traditionelle Karate-Schüler in ihrem Fortschritt auf dem Weg oft besser beurteilen als durch bunte Gürtelfarben. Achtung und Respekt sollen sich die Karate-Schüler der Karate-Gemeinschaft aber auch sonst erweisen. Im Dojo und dessen Aufenthaltsräumen können sich die Schüler nicht nur zu den Trainingszeiten treffen. Hier können sie sich unterhalten, spielen usw. Für manche Schüler finden hier wertvolle Sozialkontakte und Bindungen statt, die weit über die Gemeinsamkeit des Trainings hinausgehen. Aufgrund dieser offenen Konzeption werden die Schüler auch dazu angehalten ihr Dojo zu reinigen. Jeder soll Sorge dafür tragen, dass die gemeinschaftlichen Räume in ordentlichem Zustand bleiben und den Geist der hier Übenden widerspiegeln. Hier findet, besonders für die Kinder, regelrechte Erziehung zu sozialem Denken statt! Diese Einstellung zur Karate-Kunst wird letztendlich auch durch die günstige Beitragsstruktur der Karate-Gemeinschaft reflektiert, die es wirklich jedem Interessierten ermöglichen soll das traditionelle Karate-Do zu erfahren und dabei trotzdem in einer anspruchsvollen Trainingsumgebung zu lernen.
Ein langer Weg... Ein traditionelles Karate-Training führt die Schüler also hin zu mehr Frustrationstoleranz, Gelassenheit und friedfertigem/partnerschaftlichen Denken bei gleichzeitiger Steigerung des Selbstbewusstseins durch umfangreiche Selbstverteidigungsübungen. Aber ebenso wenig wie man in "24 Stunden zur Unbesiegbarkeit" geführt werden kann (wie es einen manche Kurse glauben machen wollen) lässt sich so etwas wie "Gelassenheit" oder "Selbstbewusstsein" in kurzer Zeit aufbauen. Im Gegenteil: Der Weg ist lang und beschwerlich und verlangt den Schülern viel ab. Ich hoffe aber es ist deutlich geworden, dass durch traditionelles Karate-Training, wie es in der Karate-Gemeinschaft gelehrt wird, die Schüler nicht aggressiver gemacht werden als sie es bereits sind, sondern eher das Gegenteil der Fall ist. Vielleicht habe ich mit diesem Beitrag neue Fragen aufgeworfen, denn vieles von dieser komplexen Thematik konnte nur angerissen werden. In diesem Falle: Fragen Sie einfach die Trainer. Sie beantworten Ihre Fragen gern. Probieren Sie es aus... und das gilt nicht nur für Kinder! F. Weese Solltest Du über eine Suchmaschine (oder auf andere merkwürdige Weise) auf diese Seite gelangt sein, so klick Dich bitte zu unserer Startseite: http://www.karate-gemeinschaft.de/. © Karate-Gemeinschaft 2000 |